Auf dieser unglaublich versteckten Unterseite der Homepage der Schriftstellerin Silke Amberg finden Sie Kritiken mit Spoiler (!!) zu „Kopflos. Carmen Mangolds erster Fall“ (Verlag ars remata). Also lesen Sie diese Rezensionen aus eigenem Interesse nur, wenn Sie den Kriminalroman schon gelesen haben – sonst könnte Ihnen der Lesespass verdorben werden. Und das wäre ja schade.
Formal ist es ein klassischer Ermittlungs- bzw. Serienmordkrimi, aber aus meiner Sicht wird die Struktur des Genres ziemlich bewusst als Vehikel für einen feministischen Gesellschaftsroman genutzt. Die Opfer sind nicht zufällig Frauen. Es sind erfolgreiche, akademisch hochqualifizierte Frauen in traditionell männlich codierten Macht- und Wissensfeldern. Das gilt auch für die Hauptfigur Carmen. Sie ist ebenfalls in der Männerdomäne Polizei erfolgreich und mit viel Kopfarbeit unterwegs. Damit bekommt bereits die Mordmethode eine symbolische Ebene.
Ganz konkret werden Frauen kopflos gemacht. Symbolisch kann man darin aber auch eine radikale Form des Entzugs weiblicher Subjektivität sehen: Der Kopf steht für Denken, Stimme, Intellekt, Autonomie und Identität. Gerade Wissenschaftlerinnen den Kopf abzutrennen, ist deshalb eine ziemlich plakative Umkehrung ihres gesellschaftlichen Status: Frauen, deren berufliche Existenz wesentlich über ihren Verstand definiert ist, werden buchstäblich ihres Kopfes beraubt. Ganz generell stehen die Morde und der Täter für mich aber auch als Metapher für das Patriarchat, das einerseits Frauen mit ganz vielen Methoden zum Schweigen bringt. Und ganz generell, mit kompetenten Frauen, gerade auch mit solchen, die Männer leistungstechnisch überflügeln, nicht umgehen kann. Diese Frauen müssen somit – aus der Logik des Patriarchates – kaltgestellt werden.
Parallel dazu ist Carmen selbst „kopflos“, aus einem völlig anderen Grund: Sie steckt in der Trennung von ihrer Partnerin und verliert zeitweise ihre emotionale Orientierung. Dabei verhält sie sich auch mal unprofessionell, z.B. als sie sich auf Sex mit einer Zeugin und ggf. auch verdächtigen Person einlässt. Auch dies könnte evtl. Teil einer grösseren Metapher sein.
Carmen – so habe ich den Eindruck- ermittelt nicht einfach zufällig als weibliche und lesbische Kommissarin. Sie arbeitet selbst in einem System, in dem sie gegen althergebrachte Frauenbilder kämpfen muss, in dem ihre berufliche Qualifikation scheinbar auch von männlichen Mitarbeitern und Chefs angetastet und unterlaufen werden- wobei sich der Verdacht gegen den Chef am Ende zumindest teilweise als Hirngespinst erweist oder sich zumindest rational klären lässt.
Der Krimi hat durch seine Fragestellung mehrere Ebenen. Er fragt nicht nur „Wer bringt erfolgreiche Frauen um?“ sondern auch „Wie behandelt eine Institution Frauen, die selbst Macht beanspruchen/talentiert sind?“. Das ist dramaturgisch clever, weil der Sexismus dadurch nicht nur als Motiv eines möglichen Täters erscheint. Er wird strukturell gespiegelt: in Wissenschaft, Arbeitswelt und Polizei.
Carmen als Figur finde ich auch sehr interessant. Man hätte sehr leicht eine feministische Superermittlerin schreiben können: kompetent, tough, schlagfertig, den sexistischen Männern immer einen Schritt voraus. Carmen ist kompetent und kämpferisch, gleichzeitig aber verletzt, unsicher und emotional chaotisch. Das halte ich für eine wesentliche Stärke der Figur. Weibliche Stärke wird nicht mit emotionaler Unberührbarkeit verwechselt. Sie darf professionell handlungsfähig und privat völlig desorientiert sein.
Das finde ich sehr stark, weil die Figuren zuerst Menschen und erst danach Trägerinnen eines gesellschaftlichen Themas sind. Gute gesellschaftspolitische Literatur erzeugt ihre Aussage aus Handlung und Figuren. Der Text wirkt genau dadurch für mich nicht programmatisch oder rein didaktisch, weil er Figuren nicht nur Aussagen transportieren lässt.
Interessant ist, dass der Roman zwischen Carmen und der Perspektive der Täterfigur wechselt. Und dadurch werden Täter:in und Ermittlerin gespiegelt. Beide erscheinen als psychologisch verletzte Figuren. Aber ihre Verarbeitung dieser Verletzungen unterscheidet sich fundamental. Bei der Täterfigur wird aus frühkindlicher Verletzung Hass, der sich gegen Personen richtet, welche der Schwester psychologisch ähneln. Carmen erkennt ihre eigene Verletzung und geht (relativ) bewusst damit um und entwickelt sich dahin, dass sie sich ihren Themen stellt.
Dass die Opfer aus Universität und Pharma kommen, wirkt ebenfalls nicht zufällig. Basel ist zugleich Universitätsstadt, Pharmastadt, eine wohlhabende Stadt mit starkem akademischem Bürgertum und ein überschaubarer urbaner Raum. Damit können Wissenschaft, Karriere, Geschlecht, institutionelle Macht und Status ziemlich organisch zusammengebracht werden.
Der Schreibstil scheint stark auf Tempo gebaut mit kurzen Sätzen und schnellem Erzähltempo. Kurze Kapitel bzw. Perspektivenwechsel versinnbildlichen allenfalls Zeitdruck in der Ermittlung, weitere mögliche Opfer, und die private Krise der Ermittlerin. Der Text wird dadurch zu einem Plot-getriebenen Psychokrimi. Und zu einem Page-Turner. Am Ende wird es wirklich fast unmöglich, das Buch wegzulegen….
Eigentlich handelt „Kopflos“ auf mehreren Ebenen immer wieder von derselben Frage:
Was geschieht mit Frauen, die sich nicht auf die ihnen zugedachte Rolle reduzieren lassen? Die Opfer sind beruflich erfolgreiche Frauen. Carmen besitzt institutionelle Autorität. Carmen ist queer. Sie widersetzt sich traditionellen Geschlechterrollen innerhalb der Polizei. Und auch ihr privates Leben entspricht nicht dem klassischen heterosexuellen Krimi-Schema einsamer männlicher Kommissar plus Alkohol plus gescheiterte Ehe. Die Queerness ihrer Figur ist interessant, weil sie nicht das Problem der Geschichte ist. Carmen hat Beziehungsschmerz, nicht weil sie lesbisch ist – sie hat Beziehungsschmerz, weil Beziehungen kompliziert sein können. Ihre sexuelle Orientierung wird dadurch normalisiert und nicht problematisiert. Das klingt banal, ist literarisch aber bemerkenswert. Denn queere Figuren wurden gerade in der Literatur lange häufig über ihre Queerness definiert: Coming-out, Homophobie, heimliche Beziehungen, gesellschaftliche Ablehnung, tragische Liebe.
Bei Carmen passiert etwas anderes: Sie erhält als lesbische Frau den Platz, den ein heterosexueller männlicher Kommissar seit Jahrzehnten selbstverständlich bekommt – nämlich eine komplizierte Liebesgeschichte, ohne dass seine sexuelle Orientierung erklärt werden muss. Carmens Erfahrung wird also offenbar stärker über ihr Frausein in einer männlich geprägten Institution strukturiert als über ihre sexuelle Orientierung. Und das halte ich für eine ziemlich zeitgemässe Form queerer Repräsentation: Queere Menschen müssen literarisch nicht ständig an ihrer Queerness leiden. Gleichzeitig verändert ihre Queerness die Figur durchaus. Dass Carmen eine Frau liebt, ist deshalb trotzdem nicht bedeutungslos. Gerade weil „Kopflos“ stark mit Frauenbildern, weiblicher Autonomie und misogynen Strukturen arbeitet, entsteht eine besondere Konstellation: Carmen befindet sich emotional und sozial weitgehend in einer weiblichen Beziehungswelt. Carmens Geschichte wird nicht automatisch zu einer Geschichte darüber, wie sie sich zu Männern verhält. Und genau darin steckt etwas sehr Feministisches. Eine lesbische Hauptfigur ermöglicht es gewissermassen, die männliche Figur aus dem Zentrum weiblicher Selbstdefinition herauszunehmen.
Das bedeutet nicht, dass Männer irrelevant werden – Carmen arbeitet schliesslich in einer Institution mit traditionellen männlichen Machtstrukturen. Aber privat ist ihre grosse emotionale Krise keine Mann-Frau-Geschichte. Das ist besonders interessant in Verbindung mit dem Motiv erfolgreicher Frauen. Die Frauen im Roman existieren als Wissenschaftlerinnen, Ermittlerinnen, Partnerinnen, Geliebte, Konkurrentinnen und Opfer. Sie sind nicht primär „Ehefrau von“, „Freundin von“ oder erotisches Objekt eines männlichen Protagonisten. Darin sehe ich einen grösseren feministischen Effekt der Queerness als in einem expliziten politischen Statement.
Aber Carmen entspricht trotzdem einem bekannten Krimi-Archetyp: beruflich kompetent – privat dysfunktional. Den kennen wir von unzähligen männlichen Kommissaren. Der Ermittler löst die kompliziertesten Fälle, bekommt aber sein eigenes Leben nicht geregelt. Carmen wird mitten in einer Trennung emotional „kopflos“, während sie gleichzeitig einen Serienmordfall lösen soll. Carmen bekommt das Recht auf dieselbe widersprüchliche, schwierige, manchmal chaotische Persönlichkeit, die männlichen Ermittlern seit Jahrzehnten zugestanden wird.(Ursula)
Spannender, vielschichtiger Thriller aus Basel (5/5 Sterne, amazon)
Was für ein fulminanter literarischer Auftakt für Kommissarin Carmen Mangold. Die neue Leiterin der Basler Mordkommission hat es gleich mit einem Serienmörder zu tun. Der hat es auf junge, ebenso attraktive wie selbstbewusste Karrierefrauen abgesehen, erst eine Mathematikprofessorin, dann eine Pharmaforscherin. Beide macht er im Wortsinn des Titels „kopflos“, arrangiert aber den Kopf jeweils kunstvoll am Tatort.
Man denkt an Fitzek & Co. und liegt richtig, wenn man den ersten von der Basler Schriftstellerin Silke Amberg beim neuen, innovativen Schweizer Verlag ars remata herausgebrachten „Kriminalroman“ eher schon im Thriller-Genre verortet, denn die vielen Irrungen und Wirrungen der Ermittlungsarbeit werden immer wieder mit den Gedanken des Serienmörders gegengeschnitten und im letzten Drittel wird das Buch endgültig zum Pageturner, wenn die Kommissarin selbst ins Visier des Täters gerät.
Doch den üblichen Thrillern – vornehmlich skandinavischer Provenienz – hat „Kopflos“ eine zweite Ebene voraus. Die Autorin, die mit ihrer Frau und zwei Kindern in Basel lebt, hat ihre Protagonistin Carmen Mangold als offen lesbisch lebende Polizistin ausgestaltet und gibt tiefe Einblicke in deren Gefühlsleben. Dieses leidet an der familiären Vorgeschichte, die erstaunliche – und für die Protagonistin erschreckende – Parallelen zu ihrem aktuellen Täter aufweist. Diese Umstände erschweren ihr jedenfalls immer wieder den Zugang zu tieferen Liebesbeziehungen. So spielt das Gefühlschaos um die Beziehung zu ihrer (Ex-?)Freundin Annika sowie eine pikante amouröse Verwicklung während der Ermittlungen eine weitere wichtige Rolle in dem Buch und machen die Heldin im anderen Wortsinn „kopflos“.
Es ist ein Buch, das auch weit über die queere Community hinaus zum Lesegenuss wird, da auch nur moderat gegendert wird. Ein paar Straffungen in den wiederkehrenden Schilderungen der Tagesabläufe und dem Basler Lokalkolorit hätten dem 336 Seiten dicken, fein in Klappenbroschur mit einem tollen Cover versehenen Band nicht geschadet. Doch nun wissen wir, was ein Wickelfisch ist und dass es in der Schweiz „das Tram“ heißt und die Kommissarin natürlich „Velo“ fährt. Unterm Strich ist „Kopflos. Carmen Mangolds erster Fall“ von Silke Amberg eine spannende, sauber recherchierte, in anschaulicher Sprache mit guten Dialogen konstruierte Lektüre, die dank ihrer Vielschichtigkeit nicht nur für den Urlaub ihre Leserinnen und Leser finden sollte. Zumal der nicht zu leugnende feministische Ansatz behutsam einfließt und man sich auch als männlicher Leser ja durchaus Gedanken machen kann, warum die Pharmaindustrie bis heute die „Pille für den Mann“ noch nicht herausgebracht hat.
(Hans-Peter Müller)